Rettet die Globalisierung! Nein, ein neuer Provinzialismus wird die Welt nach Corona nicht retten

Die Corona-Krise findet gerade ihre Propheten. Viele davon sangen zuletzt das hohe Lied des Regionalismus und brandmarkteten die Globalisierung als die eigentlich COVID-Schuldige. Der Zukunftsforscher (sic!) Matthias Horx schrieb kürzlich in einem viral gegangenen Beitrag über „die Welt nach Corona“: „Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung Glokalisierung: Lokalisierung des Globalen.“ Und auch Kardinal Christoph Schönborn, rief jüngst in der ORF-Pressestunde dazu auf, die „Globalisierung zur korrigieren“ und warb für einen neuen Regionalismus. Stehen wir also am Beginn einer neuen Zeit, zurück zur Scholle und zum Ursprung? Ist es endlich an der Zeit, die Fesseln der Globalisierung abzuschütteln und in eine neue Zeit der globalen Gerechtigkeit und des allgemeinen Wohlstands aufzubrechen?

Wer heute an der Globalisierung sein Mütchen kühlt, übersieht, dass eben jene Globalisierung in den letzten Jahrzehnten das erfolgreichste Armutsbekämpfungsprogramm der Menschheitsgeschichte war! Ja, selbstverständlich gab es Auswüchse und natürlich hat die Globalisierung auch dazu geführt, dass es ein paar wenige Menschen zu perversem Reichtum gebracht haben. Aber sie hat eben auch dazu geführt, dass die Zahl jener Menschen, die von weniger als $ 1,9 pro Tag leben mussten; seit 1990 von über 35 auf unter 10 % gesunken ist [alle Zahlen: UNSTATS (2019). Sustainable Development Goals Report]; die Zahl der unterernährten Personen sank im gleichen Zeitraum von mehr als 1 Milliarde Menschen auf rund 800 Millionen (bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum). Nun mag man – zu Recht (!) – einwenden, dass dies immer noch skandalös hoch ist und die Wohlstandsverteilung nach wie vor ein himmelschreiendes Unrecht ist. Aber glaubt irgendwer ernsthaft daran, dass sich die Situation der Menschen in Afrika dramatisch verbessert, wenn sich Europa und die USA wieder abschotten und Marktzugänge verwehren?

Ein paar weitere Zahlen: Die Kindersterblichkeitsrate ist weltweit seit 2000 von knapp 80 auf unter 40 % gefallen; der weltweite Alphabetisierungsgrad lag zuletzt bei 86 %, bei den 15-24-jährigen sogar bei 91 %; mehr als 90 % der Menschen haben heute Zugang zu gut oder zumindest basal verwaltetem Trinkwasser.

Es mag psychologisch verständlich sein, dass in Ausnahmesituationen, wie es die Corona-Krise zweifellos eine ist, romantische Idee blühen: die knorrigen österreichischen Bauern, die wieder im Klein- und Handbetrieb das eigene Brot backen und am Markt verkaufen, die regionalen Kleingewerbetreibenden, die ihre Kunden noch beim Namen kennen und persönlich liefern, das selbstgebraute Bier, dem beim Kirchenwirt nach der Sonntagsmesse von der männlichem Dorfhälfte in beunruhigendem Maße zugesprochen wird. Eh schön – aber diese idyllischen Vorstellungen werden weder zu mehr sozialer Gerechtigkeit auf regionaler, nationaler oder globaler Ebene führen noch die dramatischen sozialen Folgen einer globalen Wirtschaftskrise mildern. Ja, wir brauchen wohl eine andere Globalisierung – soweit ist dem Kardinal Recht zu geben – aber wer sich jetzt von der Idee einer global vernetzten Wirtschaft und einer offenen Handelspolitik verabschiedet, schafft nicht die neuen blühenden Wiesen in unseren Dörfern, Städten und Regionen, sondern blühende Armut auf dem gesamten Globus.

 

 

Schreibe einen Kommentar